Trotz PISA - Sparen ohne Ende
Gesamtschulen waren auch beim PISA-Test 2006 schlechter als Realschulen und Gymnasien.
Die Wende in der Bildungspolitik blieb bisher weitgehend aus
Als im Dezember 2001 die ersten Ergebnisse des internationalen Schulvergleichstests PISA bekannt wurden, war ich ähnlich euphorisch gestimmt wie beim Fall der Berliner Mauer und dachte: „Das ist die Wende! Jetzt wird in Deutschland wieder in Bildung investiert!“
Mehr als sieben Jahre sind seitdem vergangen und die Euphorie ist längst der Ernüchterung gewichen. Zwar sind sich Bund und Länder einig, dass ein gewaltiger Reformschub schon durch Kindergärten und Grundschulen gehen muss, aber das alles möglichst „kostenneutral“, obwohl die anderen OECD-Staaten zwischen 60 - 90 Prozent mehr Geld für ihre Grundschulen ausgeben. Der Berliner Senat hat es sogar fertig gebracht, die Rahmenbedingungen für das Lernen weiter massiv zu verschlechtern:
1. Kürzungen bei den Privatschulen in Höhe von 6 Prozent, obwohl der Senat bereits 2.300 € pro Jahr durch jeden Schüler einer freien Schule spart. War das die Strafe für das gute Abschneiden bei PISA? Kaum, denn die Berliner Schulen hatten gar nicht teilgenommen. Allerdings erzielten die übrigen Schüler privater Schulen in Deutschland auf der Gesamtskala Lesekompetenz durchschnittlich 563 Punkte (die deutsche Nr. 1 Bayern hatte 510 Punkte), während es die Schüler an den staatlichen Schulen nur auf 481 Punkte brachten (50 Punkte mehr entsprechen etwa einem Lernzuwachs von eineinhalb Schuljahren). Die beste Schule Brandenburgs war das Katholische Gymnasium Bernhardinum mit 597 Punkten und lag damit sogar knapp vor den bayerischen Gymnasien (593 Punkte). Der Tagesspiegel fasste die Senatspolitik kürzlich (7.1.2005) so zusammen: „Berlins Bildungspolitik kämpft mit aller Kraft gegen erfolgreiche Schulen.“
2. Berliner Kinder einiger Innenstadtbezirke sprechen dramatisch schlecht Deutsch. Zwei Drittel von 10.000 Schulanfängern - so ergab eine Studie - brauchen Sprachförderunterricht. Bei Kindern nicht deutscher Herkunft sind es sogar 90 Prozent. Im nächsten Schuljahr werden zusätzlich 5.000 Einwandererkinder mehr als üblich eingeschult. Trotzdem wird nicht ein einziger Lehrer mehr für Deutschförderung in Berlin eingestellt. Ein Skandal!
Aber dafür soll nun schon im Kindergarten sprachlich gefördert werden. Doch gleichzeitig hat der Senat die Gruppengröße pro Erzieherin erhöht. Wie soll das einzelne Kind da besser gefördert werden? In einer umfassenden Qualitätsstudie hat Prof. Wolfgang Tietze von der FU Berlin festgestellt, dass in Kindergärten selten mehr als Betreuung stattfindet und selbst schlechte und ungebildete Eltern meist besser erziehen als gute Kindergärten. Das nimmt im Senat niemand zur Kenntnis!
3. Erfolgreiche PISA-Länder haben hervorragende Vorschulen. Doch der Senat hat durch das neue Schulgesetz die Vorklassen in Berlin abgeschafft, um die Stellen der Vorschullehrerinnen (sozialverträglich) einzusparen. Wie Bildungssenator Böger da "mit neuen Bildungsstandards mehr Qualität" schaffen will, bleibt sein Geheimnis.
4. Statt auf Förderung konzentriert sich der Senat auf Tests, die nur stets wieder aufs Neue belegen, dass die Berliner Schulen zusammen mit Bremen das Schlusslicht im Bildungsranking der Bundesländer sind. Jüngstes Beispiel sind die nur in SPD-regierten Ländern durchgeführten Vergleichsarbeiten (VERA) in Klasse 4, die der Grundschulverband folgendermaßen kommentierte: „Angesichts der Zeit und der Geldmittel, die hier aufgewandt wurden, ist dies ein schulpolitischer Skandal.“ Tests machen nur Sinn, wenn danach eine gezieltere Förderung einzelner Schüler stattfindet. Die aber kostet Geld, das offenbar niemand mehr in Bildung investieren will. Lieber leisten wir es uns weiter, jedes Jahr 15 % eines Schülerjahrgangs ohne Schul- bzw. Ausbildungsabschluss in eine lebenslange Sozialhilfelaufbahn zu entlassen. Hat mal jemand nachgerechnet, was das kostet?
5. Eine Studie der Unternehmensberatung Kearney ergab, dass die führenden Nationen der PISA-Studie neue Technologien im Unterricht einsetzen und eine hervorragende Computerausstattung haben, während der Einsatz von Computer und Internet an deutschen Schulen immer noch mangelhaft und konzeptionslos ist: „Der gezielte Einsatz von Internet und Computern im Unterricht und bei den Hausaufgaben könnte auch in Deutschland nachhaltig dazu beitragen, die Ausbildung an den Schulen zu verbessern und damit die Pisa-Lücke zu schließen.“
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Gerhard Lenz
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